Be)anders 2.0: Vier Äpfel … Foto: Michael Schnabl)
Be)anders 2.0: Vier Äpfel … Foto: Michael Schnabl)

Mitgefühl und Empathie

von Be)ate Hollersbacher MSc.


So schlecht war mein Tag gar nicht, naja, ich hatte auch schon bessere, dachte ich mir so bei meinem Spaziergang durch Graz. Es war einfach nicht mein Tag und wer weiß was morgen kommt, aber liebe Beate eines ist sicher, morgen ist ein neuer Tag.

Nebenbei erwischte ich mich dabei, wie ich auf diesem Karussell, besetzt von negativen Gedanken, mitfuhr. So im herumschlendern erblickte ich in den vielen Auslagen sehr schöne, teure Kleidung und dachte mir, wow, was ist das für ein schöner Mantel. Wie ich so hektisch mit meinem Handy „herumfuchtelte“, bemerkte ich auf einmal, dass es zu spät ist und so stehe ich nun vor der verschlossenen Türe. Meine Güte, was war ich genervt. Trotzig wie ein kleines Kind ging ich einfach ziellos weiter.
Ich muss gestehen, ich hatte auch keinen Plan in welche Richtung ich meinen Spaziergang fortsetzen sollte, daher ging ich instinktiv (in die richtige Richtung ;-)) weiter und da sah ich ihn und er mich auch. Da war dieser Moment, der mich so tief berührte. Um mich herum nahm ich für kurze Zeit nichts anderes mehr wahr. Er lag da am Boden in Decken eingewickelt, neben seinem Oberkörper ein (ehemals) weißes Teller mit einer Gabel daneben. Schön platziert und frisch gewaschen waren darauf vier Äpfel. Er lächelte mich an und ich entgegnete selbes. Es gibt im Leben diese speziellen Augenblicke, die man nie vergisst. Nie werde ich ihn vergessen. Seine tiefbraunen ja fast schwarze Augen verrieten mir, dass er eine gute Seele, ja ein guter Mensch ist. Als ich daraufhin meine Geldbörse öffnete und ihm aus Mitleid etwas Geld entgegenstreckte war ich traurig und glücklich zugleich. Er war so dankbar und wirkte so in Frieden mit sich. Er schenkte mir noch ein weiteres Lächeln und bedankte sich höflich. Nun zeigte mir der alter Mann ein leeres Glas und füllte es mit großen Steinen. Danach fragte er mich, ob dieses Glas voll sei. Ich stimmte ihm zu. Er nahm eine Schachtel mit Kieselsteinen aus seiner Tasche und schüttete diese ebenfalls in das Glas. Natürlich füllten sie die Zwischenräume. Wieder fragte er mich, ob das Glas nun voll sei. Lächelnd sagte ich ja. Der Alte seinerseits nahm nun etwas Sand. Er schüttete diesen in das Glas und auch der verteilte sich in den Zwischenräumen. Nun sagte der alte Mann: „Ich möchte, dass du erkennst, dass dieses Glas wie dein Leben ist. Die großen Steine sind die wichtigen Dinge im Leben, nämlich in erster Linie die Familie, der Partner, die Gesundheit, die Kinder, Freunde usw., also Dinge, die – wenn alle anderen wegfielen – dein Leben immer noch erfüllen würden. Die Kieselsteine, sinnierte er, sind die weniger wichtigen Dinge im Leben, die aber auch noch Platz haben, nämlich Haus, Auto, Ferien, Stereoanlage usw. Der Sand schließlich symbolisiert das am wenigsten Wichtige im Leben. Wenn du nun den Sand zuerst in das Glas füllst, bleibt kein Raum für die Kieselsteine und schon gar keiner für die großen Steine. Und genauso ist es auch im Leben.

Foto: Caritas/Tim Ertl
Foto: Caritas/Tim Ertl

Als ich weiterging war ich ein neuer Mensch und fragte mich, wie es wohl dazu kam, dass dieser intelligente Mann jetzt so ein Leben führen muss.

 

Es beschäftigte mich noch eine ganze Zeit. So wie ich mich darüber ärgerte, dass die Geschäfte geschlossen haben, ohne darüber nachzudenken, dass es Menschen wie ihn gibt, der gar nie in so ein Geschäft gehen kann, weil er stattdessen jeden Tag um’s Überleben kämpfen muss. Obdachlosigkeit entsteht durch Lebenskrisen und das Unvermögen, damit umzugehen und Hilfe in der Not anzunehmen. Oft ist eine psychische Erkrankung schuld daran. Das Leben auf der Straße ist gefährlich, die Lebenserwartung von Obdachlosen deutlich geringer. Und der Weg zurück ins normale Leben ist schwierig.

Beate, dachte ich mir, so geht das nicht. Jetzt ist Schluss und der Mantel wurde aber sowas von unwichtig. Am nächsten Tag besuchte ich ihn wieder und er lag wieder auf demselben Platz am kalten Boden. Ich ging zu ihm und bemerkte, dass er schlief. Es lagen noch immer vier Äpfel dort auf seinem Teller. Ich gab ihm wieder etwas Geld in seinen Becher und sprach mit seinen Schutzengeln, dass sie ihn begleiten mögen und ihn vor allem beschützen, wo auch immer seine Reise noch hingehen mag. Mitgefühl wird dann real, wenn wir uns unseres gemeinsamen Menschseins bewusst werden. Somit ist Mitgefühl etwas anderes als Mitleid. … auch Empathie ist etwas anderes als Mitgefühl. Empathie bedeutet, dass man sich mit der Situation und den Gefühlen eines anderen verbindet. Diese Verbindung mit diesem Unbekannten hat mich ganz stark berührt.

 

Ich denke noch ganz oft an ihn und schließe ihn jeden Abend in meine Gebete ein.